Freitag, 8. Juni 2012

Schnitt - Marc Raabe

Tief in deinen Erinnerungen lauert das Böse

Gabriel Naumanns Vergangenheit scheint ihn einzuholen, als er eines Nachts zu einem stillen Alarm in eine Villa in Berlin fährt. Dort findet er ein offenes Tor und Fußspuren im Staub der seit Jahrzehnten leerstehenden Villa. Als er ein pompöses Kleid im Keller entdeckt, klingelt sein Handy und Gabriels schwangere Freundin Liz fleht ihn an, ihr zu helfen weil sie überfallen wurde. Gabriel eilt schnell zur angegebenen Stelle, doch von Liz keine Spur und die Polizei glaubt ihm kein Wort. Liz befindet sich in den Fängen eines Psychopathen und der will, dass er sich um jeden Preis an jene Nacht am 13. Oktober 1979 erinnert, die so sorgfältig aus seinem Gedächtnis getilgt wurde. Was hat der damals 11-jährige Gabriel gesehen?

Nach einem spannenden, düsteren und lauter Fragen aufwerfenden Prolog startet der Thriller in Gabriels Leben, knapp 30 Jahre nach den Geschehnissen am 13. Oktober 1979. Er muss einen Alarm in einer Villa überprüfen, zu der sein Chef Yuri ihn eigentlich nicht fahren lassen will. Das allein sollte Gabriel schon merkwürdig vorkommen, doch die Villa toppt das dann nochmal an Merkwürdigkeit. Das tritt jedoch alles in den Hintergrund als Gabriels schwangere Freundin Liz plötzlich spurlos verschwindet, er von der Polizei des Mordes verdächtigt wird und ein Psychopath von ihm verlangt sich an den dunkelsten Tag seines Lebens zu erinnern. Ich bin wirklich hin und weg von der Story, die für mich nicht so leicht zu durchschauen war. Klar, hatten wir schon manch einen Protagonisten mit Amnesie (im „Seelenbrecher“ von Sebastian Fitzek und bei „Der Trakt“ von Arno Strobel), doch nie war der partielle Gedächtnisverlust so gut und plausibel erklärt wie hier.

Der Schreibstil in diesem spannenden Psychothriller ist sehr gut und flüssig zu lesen. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, dass man „nah dran“ am Geschehen ist. Dieses Gefühl entsteht dadurch, dass das Buch im Präsens geschrieben ist, was mir aber erst nach einigen Kapiteln wirklich auffiel. Ansonsten sind mir die Worte oft durch und durch gegangen, ich hatte Gänsehaut beim Lesen, hab mit den Protagonisten mitgefiebert und mitgerätselt und es manchmal vor Spannung kaum ausgehalten. Es fließt auch Blut in diesem Thriller, aber nicht im Übermaß, ich fand es genau richtig so.

Die Protagonisten selbst konnten mich schnell überzeugen. Sie haben alle Tiefgang und Charakter, jeder Einzelne von ihnen, selbst die Nebenfiguren. Gabriel ist kein typischer „Held“, er hat Probleme, hört eine Stimme, die zu ihm spricht und ihn „Luke“ nennt. Doch dann ist da plötzlich die junge Journalistin Liz in die er sich verliebt. Liz ist eine starke und neugierige Persönlichkeit, die nachts im Park spazieren geht und keine Story sausen lässt, sei sie auch noch so riskant. David, Gabriels Bruder, ist zu Beginn ein echtes Weichei, doch dann entwickelt er sich und wird immer sympathischer, er kämpft gegen seine Ängste, so wie Gabriel gegen die Stimme kämpft.  Den Psychopath kann man wirklich nur als solchen bezeichnen. Er ist krank im Hirn, krank an der Seele und grausam.

Das Cover der hochwertigen Klappenbroschur ist in hellen Grautönen gehalten. Eine Biene ist auf dem unteren, blutigen Rand zu sehen und eine bluttriefende Messerspitze schneidet von hinten durch das Cover. Das blutige Messer und der Titel sind in Spotlackoptik aufgebracht. Das Messer spielt eine Rolle im Buch, deshalb finde ich das Cover einigermaßen passend gewählt.

Insgesamt kann ich dem spannenden, gut geschriebenen und nervenaufreiben Psychothriller „Schnitt“ von Marc Raabe volle fünf Punkte geben, denn dieses Debut hat mich voll und ganz überzeugt! Ein Buch mit Suchtpotenzial!



von Marc Raabe
Broschiert: 448 Seiten 
Verlag: Ullstein Taschenbuch (11. Mai 2012) 
Sprache: Deutsch 
ISBN-10: 3548284353 
ISBN-13: 978-3548284354

Rezension vom 08.06.2012

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