Dienstag, 15. März 2011

Schafskälte - Bianka Minte-König

Der Krieg zerstört Seelen

Der 18-jährige David zieht mit seiner Mutter in das Dörfchen Kleinhinneken direkt am Deich. Seine Mutter Helen übernimmt nach ihrer Scheidung eine Landarztpraxis und sie ziehen zusammen in das alte Schäferkotten am Dorfrand. Doch die Dorfbewohner verschweigen den beiden Dorfneulingen eine schreckliche Tragödie, die sich vor über 50 Jahren dort auf dem Deich zugetragen hat. Damals sind 17 Schafe auf grauenvolle Weise zu Tode gekommen und hat den Schäfer in den Selbstmord getrieben. Doch war es wirklich der Schäfer?

„Schafskälte“ von Bianka Minte-König ist ein sehr intelligentes kleines Büchlein, dessen Aktualität und Brisanz man ihm nicht auf den ersten Blick ansieht. Man erwartet eine Kriminalgeschichte vom Dorfe und erhält eine aufwühlende Wanderung in die dunkle Tiefe einer vom Krieg gezeichneten, kranken Seele. Ausnahmsweise empfinde ich es als schwierig, über dieses Büchlein zu sprechen und nicht zu viel zu verraten. Denn die Auflösung enthält nicht nur die Antwort auf die Frage, wer im Juni 1956 die Schafe umgebracht hat, sondern auch eine Moral und eine Mahnung gegen das Vergessen!

Aus wechselnder Sicht unterschiedlicher Protagonisten begibt man sich sofort ins Jahr 1956 und liest Augenzeugenberichte zur Tragödie, bei der 17 Schafe in Kleinhinneken ihr Leben lassen mussten. Doch bald lernt man auch David und seine Mutter Helen kennen, die sich 2008 entschließen in das Dörfchen am Deich zu ziehen. Es wird abwechselnd aus der Sichtweise verschiedener Personen berichtet und somit unterscheidet sich auch der Schreibstil von Abschnitt zu Abschnitt von Person zu Person. Mal kann man sich besser, mal weniger gut in die Ereignisse hineinversetzen, es kommt immer auf die Person an, die gerade an der Reihe ist.

Somit erfährt man auch viel über die Hauptpersonen Helen und David, die versuchen nach der Scheidung von Ehemann und Vater ein neues Leben zu beginnen. Sie sind beide auf der Suche nach einer Zukunft und nach einem neuen Glück und sie müssen sich in einer alteingesessenen Dorfgemeinschaft einfinden und behaupten. Vor allem die Mauer des Schweigens, was die Ereignisse um das Schäferkotten, in dem sie nach der Renovierung wohnen, vor 50 Jahren angeht, macht ihnen zu schaffen. Aber zum Glück gibt es da noch den Lehrer und die hübsche Krankenschwester Luise, zu der David sich hingezogen fühlt. Helen und David sind die einzigen Personen, die „greifbar“ sind, alle anderen sind nur Nebendarsteller, die zwar etwas zu sagen haben, aber nicht unbedingt ihren Charakter preisgeben.

Die Umschlaggestaltung des 176 Seiten dünnen Hardcovers setzt hier auf das Motto „weniger ist mehr“: Ganz in Weiß hebt sich der Buchtitel in kühlem blau-violett darauf ab. Ein schwarzes Schaf mit blau-violettem Schatten komplettiert das Coverbild. Ich finde, dieses Cover passt hervorragend zum Inhalt dieses Buches!

Eine tolle Novelle, die, gekleidet in ein mysteriöses Verbrechen, aufzeigt, dass wir unsere Vergangenheit nicht vergessen dürfen, dass es auch eine emotionale Seite gibt und sie nicht nur noch aus Zahlen und Fakten besteht, die man heutzutage im Geschichtsunterricht mitbekommt. Absolut lesenswert!



von Bianka Minte-König
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Thienemann Verlag; Auflage: 1. (18. Januar 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 352220090X
ISBN-13: 978-3522200905
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 15 Jahre

Rezension vom 15.03.2011

Ich danke recht herzlich dem  für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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