Samstag, 11. Dezember 2010

3 Fragen an Antje Wagner, das literarische Interview

Foto: Lutz Edelhoff
Die Autorin Antje Wagner wurde am 3. Februar 1974 in Wittenberg in Sachsen-Anhalt geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in einem kleinen Elbdorf im Fläming. Danach nahm sie ein Studium der deutschen und amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaften auf, das sie in Potsdam und dem englischen Manchester absolvierte. Nach ihrer Magisterarbeit arbeitete Antje Wagner als Kellnerin und Sprecherin u.a. für das Bildungsfernsehen. Auch gegenwärtig arbeitet sie noch gelegentlich als Sprecherin z.B. für Audioguides. Sie schreibt Romane, Erzählungen und Theaterstücke und übersetzt auch aus dem Englischen. Heute lebt und arbeitet sie als Autorin, Übersetzerin und Sprecherin in Potsdam.

1999 erschien ihr erster Roman „Der gläserne Traum“ im Querverlag. Seitdem hat sie acht Bücher veröffentlicht. In den Jahren 2001 und 2003 veröffentlichte die Autorin „Lüge mich“ und „Die Gärten bist du“ im selbigen Verlagshaus. Weitere Erscheinungen folgten mit „Mottenlicht“ und „Hinter dem Schlaf“ beim Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi).


2009 erschien ihr All-Age Thriller „Unland“ beim Berlin Verlag.


Die vierzehnjährige Franka ist der »Neuzugang« im Haus Eulenruh, einem Wohnprojekt für sieben Kinder und Jugendliche. Doch irgendetwas stimmt nicht in dem kleinen Elbdorf. Wieso schweigen die Erwachsenen so beharrlich, wenn man sie auf Unland, diese düstere Ruinenlandschaft am Waldrand, anspricht?

Quelle: Berlin Verlag

Von diesem Roman findet ihr hier meine ausführliche Buchbesprechung.





Ihr aktueller Roman „Schattengesichter“ wird seit dem 01. September 2010 im Querverlag verlegt.

Mila ist sechsundzwanzig und eigentlich Lehrerin. Doch dann begeht ihre Freundin Polly einen Mord für sie und die beiden flüchten vor der Polizei.

Auf ihrer Odyssee geraten Mila und Polly immer wieder an gefährliche Menschen und in lebensbedrohliche Situationen, der Tod scheint sie zu verfolgen. Mit dem wenigen Geld, das Mila mit schlecht bezahlter Schwarzarbeit verdient, halten sie sich über Wasser. Sie leben in Abrisshäusern und brechen oft über Nacht alle Zelte ab, nur um in einer neuen Stadt wieder auf Pollys Fahndungsfotos zu stoßen. Das einzig sichere Versteck und mögliche Endstation ihrer Flucht scheint ein leerstehendes Haus in Schweden zu sein, von dem nur sie beide wissen.

Doch nicht allein das Sterben umgibt die Freundinnen wie eine Aura. Etwas Ungreifbares, Rätselhaftes schwebt über den doch so unterschiedlichen Frauen: Ist wirklich allein ihre Freundschaft der Grund für den Zusammenhalt? Der Blick zurück in die gemeinsame Kindheit lüftet ein dunkles Geheimnis, das Mila und Polly untrennbar, auf beinahe obsessive Art, miteinander verbindet.

Quelle: Querverlag

Für ihre Arbeiten erhielt sie mehrere Literaturpreise, u.a. den ver.di-Literaturpreis (2010, für "Unland"), den Feuergriffel für Kinder- und Jugendliteratur (2009), den Erfurter Stadtschreiber-Literaturpreis (2006).

An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei Antje Wagner, dass sie sich die Zeit genommen hat, drei kleine Interviewfragen für mein Blogspecial zu beantworten!


3 Fragen an Antje Wagner, das literarische Interview


BlueNaversum: Liebe Antje, wie bist du dazu gekommen Schriftstellerin zu werden und was hat dich dazu veranlasst?

Antje Wagner: Ich hatte zu den verschiedenen Zeiten die verschiedensten Pläne: Ich wollte Biologin werden, Wirtin, Schauspielerin, Stewardess, irgendwas im Verlag, Erfinderin, und kurz vor dem Ende meines Studiums war ich fest entschlossen, Botschafterin zu werden. Letztlich bin ich nun alles zusammen, nämlich Schriftstellerin: Ich kann meine ganzen Traumberufe jeden Tag ausüben, zumindest auf dem Papier. ;)

Ich hab eigentlich nie geplant, Schriftstellerin zu werden, hab aber gespürt, dass da irgendwas war, was raus musste. (Ich glaube, alle Menschen, die irgendeine künstlerische Ader haben, kennen das: Man will sich irgendwie ausdrücken.).

Nun sind in meiner Familie aber alle musikalisch, und so haben meine Eltern mich eben musikalisch gefördert. Ich hab ein Instrument gelernt.

Aber ich war die Einzige, die sich mit der Musik total herumgequält hat. Ich war sozusagen das schwarze Schaf unter lauter Musikern, denn ich war eine Schreiberin und wusste es nur noch nicht.
Was mir, meiner Familie und meinen Klassenkameraden aber schon lange klar war: Ich konnte gut Geschichten erzählen. Auf Klassenfahrten hab ich nachts immer Gruselgeschichten erzählt, bis sich keiner mehr alleine auf Toilette getraut hatte. *g*

Mit dreiundzwanzig hab ich angefangen, eine Geschichte auch mal aufzuschreiben. Ich reichte sie bei einem Verlag ein, und das Wunder geschah: Ich wurde unter Vertrag genommen. Mein erster Roman erschien, als ich 25 war.

BlueNaversum: In deinem Buch „Unland“ geht es um das Mädchen Franka, das ganz allein im Leben ist, und im Haus Eulenruh ein neues zu Hause findet. Wieso hast du gerade diese Person als Hauptfigur gewählt und wieviel steckt von dir in dieser Person?

Foto: Uschi Koch

Antje Wagner: Ich hab immer ein Anliegen. Mit jedem meiner Bücher. Und in UNLAND ging es mir (neben dem Geheimnis) eben vor allem um das Spannungsverhältnis zwischen der sogenannten Normalität und dem „Anderssein“. Es ging mir um Menschen, die nicht in die typischen Muster passen.

Menschen, die in irgendeiner Weise „aus der Reihe tanzen“, haben es oft nicht gerade leicht, so zu sein, wie sie sich eben selber sehen, weil die Außenwelt viel zu häufig glaubt, sie wüsste besser, wie man zu sein und zu leben hätte.

Aus diesem Grund hab ich Franka erfunden. Franka ist nicht gerade das „typische“ Mädchen. Sie ist burschikos wie ein Junge, liebt ihre weiten Hosen und ihre Basecaps, und sie interessiert sich mehr für Fahrräder und Autos statt für Mode. Franka, die aus einem Kinderheim kommt, ist außerdem nicht gerade fein, wenn jemand sie dumm anmacht. Sie kann da ziemlich rotzig sein.

Ich hab Franka aber nicht nur zu einer Figur des Buchs gemacht, die wir als Leser durch die Augen eines Erzählers beobachten, sondern zur Ich-Erzählerin.

Und so erleben wir nun aus Franka heraus – aus ihren Augen, ihrem Denken und ihrem Fühlen – die Geschichte. Wir selbst stecken also in Franka drin, vollziehen ihre Gedanken nach, vollziehen nach, wie sie fühlt, wenn jemand sie dumm anmacht und wie gut es sich anfühlt, schlagfertig zu sein oder einfach zurückzubrüllen.

Das war mir wichtig. Hätte ich einen Erzähler über Franka erzählen lassen, dann wäre zwischen den Lesern und dieser Figur immer so eine Distanz geblieben: man hätte auf Franka draufgeschaut. So wie man ein Insekt anschaut. Weil sie aber die Ich-Erzählerin ist und zugleich auch noch total sympathisch, gibt es keine Distanz mehr zwischen den Lesern und ihr – die Leser stecken direkt in ihrer Gefühls- und Gedankenwelt – und sie verstehen Franka. Auf so eine Weise, dachte ich, kann das Verständnis und eventuell auch die Sympathie für solche unangepassten, sperrigen (und dennoch sehr liebenswerten) Menschen wachsen: Es lässt sich leicht über jemanden meckern, aber sobald man selbst drin steckt, wird einem vieles klar.

Meine Figuren entstehen immer aus Beobachtungen. Ich beobachte meine Umwelt, beobachte Menschen und gestalte daraus meine Figuren. Eine Figur hat mindestens sieben reale Menschen als Grundlage. Darunter bin natürlich manchmal auch ich selbst mit manchen meiner Eigenheiten und Macken. Hinzu kommt dann noch ein großer fiktionaler Anteil. Mir ist es wichtig, dass meine Figuren „atmen“, dass sie mit beiden Beinen fest im Buch stehen und nicht eindimensional und vorhersehbar sind.

Deshalb mache ich mir auch immer Steckbriefe zu meinen Figuren. Ich weiß genau, wer sie sind, woher sie kommen, ihre Familien, was sie sich am meisten wünschen, wovor sie Angst haben, ich kenne ihre Geheimnisse, ich kenne auch die Dinge, die sie vor der Außenwelt verbergen.
Letztlich kommen in ein Buch nur etwa zehn Prozent dessen, was ich als Autorin über die Figur weiß. Aber das ist sogar gut. Denn je mehr ich Autorin über eine Figur weiß, umso standfester wird sie. Ich kenne eben ihre Hintergründe ganz genau, deshalb weiß ich, wie sie sich in Konfliktsituationen verhalten wird und warum. Auf so eine Weise wird eine Figur mehrschichtig und psychologisch logisch.

BlueNaversum: An welchen Buchprojekten arbeitest zu gerade, was erwartet deine Leser in der Zukunft?

Antje Wagner: Im Moment arbeite ich an einem neuen All-Age-Roman. Dieses Mal ist es ein Endzeitthriller. Darin geschieht eine allumfassende Katastrophe, die nur fünf Kinder und Jugendliche überleben: Die Welt bleibt plötzlich stehen. Alles – Menschen, Tiere, die Zeit – erstarrt und versteinert zu einem Augenblick. Diese fünf, die einander nicht kennen, treffen aufeinander. Sie sind die Einzigen, die sich noch bewegen können. Sie tun sich zusammen, sind gezwungen, miteinander zu überleben, ihre verschiedenen Kräfte zu entdecken und herauszufinden, was eigentlich passiert ist. Nach und nach stellt sich heraus, dass diese fünf Kinder und Jugendlichen nicht zufällig dieses Schicksal miteinander teilen müssen. Es gibt etwas, was sie alle verbindet, und es hat mit einem dunklen Geheimnis zu tun, das jeder von ihnen dringend zu verbergen versucht.
Der Roman soll einen spannenden und geheimnisvollen Plot entwickeln, in dem es ein echtes Rätsel zu lösen gilt, und zugleich soll er die Entwicklung von sechs sehr verschiedenen Charakteren zeigen.

Die fieberhafte Suche nach Rettung wird übrigens von einem mysteriösen Nebel erschwert, der langsam aus dem Boden dringt. Und – du ahnst es sicher schon: Die Kinder sind nicht allein.
In dem Nebel ist etwas.
Etwas lauert auf sie. Auf jeden von ihnen.

BlueNaversum: Danke, dass du dir kurz Zeit genommen hast, die drei Fragen an Antje Wagner zu beantworten!

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